Kirchenreform



Schabbat im Pfarrdienst?


-Reformen beginnen bei uns selbst-


Es ist keine Ruhe vorhanden im Pfarramt


Klaus Schnabel, der Schriftleiter der Bad. Pfarrvereinsblätter, wählte für seine provozierende Einleitung "Das fiel mir auf" in epvb 1/2008 das Thema Ruhe und muss in erschreckender Weise feststellen: Das Pfarramt ist so voller Stress, dass keine Zeit ist, überhaupt über die eigene Arbeit, nachzudenken. Auf seine Aufforderung über die Erfahrungen im Pfarramt zu reflektieren, bekam er ablehnende Anrufe. In dem Aufsatz "Plädoyer für eine Reform des Pfarramtes" haben Ehrhard Schulz, Werner Schumacher und ich ( in" DER DIENST DES PFARRERS UND DER PFARRERIN IN DER GEMEINDE") auf die ungeistliche Maßlosigkeit im Pfarramt hingewiesen. Der Aufsatz erschien im Januar 1994 in den Bad. Pfarrvereinsblättern und dann im DEUTSCHEN PFARRERBLATT. Leider wurden nur unsere Argumente für einen besseren RU durch Gemeindepfarrer/innen herausgegriffen, mit der Unterstellung wir wollten ihn abschaffen . Auf S.4-5 und 12-13 haben wir auf das übersteigerte Anspruchsdenken an das Pfarramt hingewiesen und das Schabbatgebot angemahnt . Das liegt ausgerechnet bei der Berufsgruppe, die es genau kennen und praktizieren müsste, immer noch im Argen. Das Pfarramt ist ein "Fass ohne Boden", ein Arbeitsbereich ohne Ruhe und Schabbat. Man kann 6 Tage 60-80 Stunden arbeiten, wenn es aber am siebten so weitergeht , droht Gefahr. Auch das allerhöchste Engagement muss eine Grenze haben. Die gibt es im Pfarrdienst weithin nicht.

Alle Gebote zielen auf die Ruhe, die wir im Schabbat feiern

In CHRISTEN UND JUDEN III (Seite 71 f) wird der Schabbatruhe ein Kapitel gewidmet, aber das scheint nicht zu interessieren, im Gegenteil, die Exegese der AT-Texte verstehen wir Theologen vortrefflich so zu interpretieren, dass wir selbst nicht vorkommen. In einer Diskussion mit Kollegen über das Thema sagte ein Pfarrer: "Du mit deiner Schabbattheorie" und hat damit verraten, dass es für ihn reine Theorie ist. Noch schlimmer: Ein junger Theologe teilte mir mit, dass ältere die jüngeren Pfarrer als faul bezeichnen würden, weil sie nicht mehr sieben Tage arbeiteten. An diese Älteren stelle ich die Frage, ob sie überhaupt Theologie studiert haben. Der exegetische Befund von Exodus 31 ist eindeutig. Das Schabbatgebot wird ausdrücklich aus den 10 Worten herausgehoben als ewiges BUNDESZEICHEN mit der Sanktion, dass Schabbatbruch den Tod nach sich zieht. Tod kann ein Prozess sein, der langsam beginnt und sich immer mehr beschleunigt, wenn der Segen der Ruhe nicht gefeiert wird. Alle anderen Gebote spiegeln sich in diesem Bundeszeichen, alle haben zum Ziel : Ruhe, Schalom. Bundesbruch ist Sünde, Zielverfehlung. Egal welches der anderen 9 Gebote wir interpretieren, alle zielen auf Ruhe und Frieden. Gebotsübertretung bewirkt Unruhe und Tod. Es ist bedenklich, dass gerade wir das zukünftige Zurruhekommen der Schöpfung an einem siebten Tag nicht feiern. Nicht ohne Grund ist die Schabbatfeier im Judentum das wichtigste Fest. Es deckt sich mit dem exegetischen Befund und wir als Theologen sollten endlich daraus praktische Konsequenzen ziehen!

Wir selbst in der Kirche verhindern gegenseitig den Schabbat

In der babylon. Gefangenschaft z.B. wurden Juden als faul bezeichnet, wenn sie den Schabbat hielten. Nachdem Pfarrer nicht als faul gelten wollen, verzichten sie auf Schabbat, aber auch auf freie Wochenenden und auf Urlaub und meinen damit als fleißig zu gelten. Die lebensferne Präsenzpflicht, die im PfarrerdienstGESETZ(!) verankert ist , drängt Pfarrer/innen in Richtung Omnipräsenz Gottes und das ist Gotteslästerung: nur Gott ist allgegenwärtig. Dieser untheologische Fehler wiederum suggeriert den Gemeinden, Ihre Pfarrer/innen müßten immer da sein, wenn Gemeindeglieder sie brauchen. Es wird ärgerlich, wenn Schabbat und freie Zeit dann quittiert wird mit: "er, sie ist n i e da, schon wieder im Urlaub usw". Wer im Pfarramt arbeitet ist rund um die Uhr da und hat ein hohes Engagement . Auch Hingabe hat Grenzen, an der Segensgrenze die der Schabbat setzt. Das respektieren viele Gemeindeglieder nicht. Wenn ein Pfarrer lange genug da ist, wollen sie selbst über seine Termine bestimmen, die er in eigener Verantwortung setzen muss. Viele Pfarrer resignieren (Siehe epvb 1/08)und werden von der Omnipräsenzerwartung erdrückt. Der Dekan von Heidelberg brannte aus und ging in den RU. In einem Zeitungsartikel zu seiner Verabschiedung stand: er hatte eine Siebentagewoche. Darauf liegt kein Segen sondern die Sterbenskeime durch den Bruch des Sinai-Bundes. Dafür könnte ich jetzt viele Beispiele anführen. Nur frage ich mich in diesem Zusammenhang was die Aussage soll, die Klaus Schnabel immer wieder macht: Der Pfarrberuf wäre einer der freiesten(?) aller Berufe.

Das allgemeine Priestertum aller Glaubenden könnte Schabbatfreiraum schaffen

Pfarrer/innen sollten konsequent Schabbat feiern und die Gemeinden müssen endlich akzeptieren, dass sie, wie Jesus von Nazareth , nicht omnipräsent sein können . Die Präsenz der Kirche liegt auf vielen Schultern, Hauptamtliche und Ehrenamtliche müssen zur Ruhe kommen. Pfarrer, die selbst Unruhe verbreiten und 7 Tage arbeiten, können kein Vorbild sein und werden zu Heuchlern , wenn sie die Sonntagöffnungszeiten anprangern. Das Priestertum der Glaubenden schlägt sich nieder in Demokratie und Gremien. Die sind wichtig, weis ich als ehemaliger Landessynodaler. Aber auch Sitzungen haben eine Grenze, wenn sie sich häufen und mit Kleinigkeiten vollgestopft werden, die die eigentliche Arbeit lähmen. z.B. sagte kürzlich ein Kollege: "Bei uns wird über jeden Besenstil entschieden" und ein Kirchendiener: "Wir brauchen wegen jeder Heckenschere eine Sitzung". Früher waren die Pfarrer Pfarrherren und haben fast alles selbst entschieden. Heute schlägt leider das Pendel genau in die andere Richtung aus. Es macht diesen Zusammenhang nachdenklich, dass ich immer mehr höre: ich fühle mich entmündigt. Statt Entlastung häufen sich die Sitzungen, vor allem, wenn man noch mehrere Gemeinden hat. Öfter landen Sitzungsvorschläge wieder bei denen, die Präsenzpflicht haben. Statt praktischer Umsetzung von Gemeindearbeit auf den Schultern vieler, wird nicht selten alle Arbeit einigen wenigen aufgebürdet, die dann zur Übertretung des Ruhegebotes gedrängt werden. Nur im Miteinander zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen könnte der Schabbat für beide segensreich werden. Wenn die Pfarrer/innen nicht präsent sind, ist die Kirche trotzdem gegenwärtig durch aktive Christen. Pfarrerinnen und Pfarrer sind nicht die Kirche.

Der Schabbat ist mehr als ein feier Tag

Zunächst muss ich kritisch bemerken, dass meine Kirche sich schwer getan hat Pfarrer/innen einen freien Tag oder ein freies Wochenende zu ermöglichen. Als ich anfing, gab es das nicht. Dann kam zögernd ein freier Sonntag, an dem man Kollegen im Gottesdienst besuchen sollte. (Hat eine Pfarrfamilie nicht auch private Termine und Verwandtschaft?). Als im neuen PfarrerdienstGESETZ ( In keinem Beruf gibt es ein DienstGESETZ ) ein freier Tag festgeschrieben wurde, sage mir ein beteiligter Pfarrvertretungbeauftragter: Wir mussten wie Löwen kämpfen, dass in diesem GESETZ(!)nicht wieder die Erreichbarkeit verankert wurde. Was soll am Schabbat die dienstliche Erreichbarkeit? Das hat mit Theologie nichts mehr zu tun. Nachdem aber dann immer noch Dekane für ein freies Wochenende Urlaub anrechneten, beschloss die Landessynode (25.4.1995, dritte Sitzung S.92, Ziffer 4): "Der EOK wird gebeten, in geeigneter Weise darauf hinzuwirken, das Dekane und Schuldekane weiterhin den dienstfreien Tag der Woche, wenn vor Ort möglich, mit dem dienstfreien Sonntag zu einem dienstfreien Wochenende ermöglichen" . Schon vor 12 Jahren bestätigte die Synode, dass ein freies Wochenende schon immer möglich war. Seltsam, bis vor kurzen musste ich noch Dekane auf diese Bestätigung aufmerksam machen. Schabbat ist im Judentum wie eine Braut, die am 7. Tag festlich empfangen wird. Schabbatkerzen, Wein und festliche Kleidung markieren den Tag als einen "Wall" gegen den Alltag. Die Arbeit ruht und wir dürfen wirklich ausspannen. Die Alltagsarbeit bleibt draußen vor der Tür. Auch am Schabbat dürfen wir kreativ sein und unsere Alltagarbeit in Ruhe betrachten wie ein Kunstwerk . (Siehe Schöpfungsgeschichte). Dieser Ruhetag muss unbedingt alle 7 Tage wiederkehren. Wenn wir aus "Rücksicht" auf die Gemeinden diesen Rhythmus unterbrechen, wird in kurzer Zeit der Schabbat zerstört. Pfarrerinnen und Pfarrer, die diesen besonderen Tag feiern , arbeiteten in 6 Tagen mehr als die, die meinen das Ruhegebot übertreten zu müssen. Wer es tut, wird immer weniger qualitativ arbeiten und ausbrennen und nicht einmal über seine Arbeit reflektieren können.
Ein freier Tag, an dem man vormittags einkauft am Mittag persönliches erledigt, am Abend aber eine Sitzung hat, ist kein Schabbat.

Ein seelsorgerliches Wort an Seelsorgerinnen und Seelsorger

In meiner vorigen Gemeinde musste ich als 7-Tage-Arbeiter schmerzlich erleben, dass meine Präsenzpflicht, die ich sehr ernst nahm, pervertierte. Nur ein Beispiel: Ich leistete mir den "Luxus" ab und zu am Sonntagnachmittag auf den Campingplatz zu gehen. Trauernde suchten mich am Campingplatz und trafen mich in der Badehose an. Sie entschuldigten sich und erzählten es Bekannten, worauf aber eine fromme Frau bemerkte: Der Pfarrer hat auch am Sonntagnachmittag da zu sein. Das ist der "Segen" der Präsenzplicht! Obwohl ich als Bez.Beauftragter für Kirche und Israel und durch viele Israelreisen vom Segen des Schabbats wusste, praktizierte ich ihn nicht, jetzt erst in der Gemeinde, in der ich mich dieses Jahr in den Ruhestand verabschiede, verwirklichte ich ihn. Von Freitagnachmittag bis Samstagmittag zog ich mich zum Schabbat in den Wohnwagen zurück. Beerdigungen Freitagmittag und Trauungen Samstagmittag waren problemlos möglich und die Gemeinde zufrieden. Nur jetzt nach 13 Jahren - nach längerer Zeit, will die Gemeinde immer mehr über den Pfarrer verfügen - gibt es plötzlich Einzelne, die über die Termine des Pfarrers bestimmen wollen, ohne auf sie Rücksicht zu nehmen. Das Argument, man müsste immer auf alle aus seelsorgerlichen Gründen eingehen, ist unnötig, da wir dies mehr als genug tun. Wir müssen nur aufpassen, das wir mit unser seelsorgerlichen Rücksichtnahme nicht selbst zum Seelsorgefall werden (siehe epvb 1// 2008 !!!) Die Einführung des Schabbats hat meine Freude und meinen Einsatz für meine Kirche sehr verstärkt. Mit Worten meiner Sekretärin: "Das Geheimnis seiner Leistungskraft ist sein Schabbat". Der schafft mir Zeit auch für andere Dinge. Z.Zt. habe ich neben meiner Doppelgemeinde nochmal eine vakante Doppelgemeinde , 4 Kirchengemeinderäte mit 27 Ältesten und ca. 4700 Gemeindeglieder. Es macht mir trotz hoher Belastung Spaß , denn ich feiere weiterhin meinen Schabbat. Zu Weihnachten berichtete darüber unsere Zeitung unter der Überschrift: "Stress zum Fest, um Himmels willen nein!"
Mein Rat : Beginnen Sie Schabbat zu feiern, nehmen Sie Ihre freien Wochenenden alle und lassen Sie Ihren Urlaub nicht verfallen. Pfarramt bleibt Arbeitsort, wechseln Sie zum Schabbat vom Dienstort an einen anderen. Das Ziel aller 6 Schöpfungszeiten ist nicht der Mensch, auch nicht die Arbeit, sondern die Ganzheit aller Dinge ( =Schalom!) die am 7.Tag (=Ewigkeit) sehr gut werden wird.


Dieser Aufsatz ist erschienen:

BADISCHE PFARRVEREINSBLÄTTER   3/2008, Seiten 73 ff.
DEUTSCHES PFARRERBLATT   8/2008, Seiten 423 ff.






Bischof Fischer Avent 2007

Gottesdienst in der Evang. Kirche Gemmingen mit Landesbischof Dr. Ulrich Fischer




Theol Bibelseminar